Evelyn Schön

Evelyn Schön
Evelyn Schön

Evelyn Schön wurde 1971 in Rheine in Westfalen geboren. Sie ist von Geburt an querschnittgelähmt und sitzt im Rollstuhl. Sie studierte Soziale Arbeit in Bochum und engagierte sich dort in der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung. Nach dem Studium wurde sie leitende Mitarbeiterin in einem EU-Projekt Peer Counseling in (WfbM sind teilstationär) stationären Einrichtungen der Behindertenhilfe. Sie unterstützte die Mitarbeiter der WfbMs oder Bewohner*innen der Wohnheime bei ihrem Anliegen aus dem Wohnheim auszuziehen.
Heute arbeitet sie freiberuflich als Beraterin für behinderte Menschen (Peer Counselor)  und für nichtbehinderte Mitarbeiter*innen der Behindertenhilfe.

Auf dem Gymnasium haben mich die älteren Mitschüler die Treppen hinaufgetragen, weil es noch keinen Aufzug gab. Das war eigentlich sehr cool für mich, denn dadurch hatte ich Kontakt zu den älteren Schülern, in die meine ganzen Mitschülerinnen verknallt waren. Ich fühlte mich sehr aufgehoben, angenommen. Wenn ich zu spät dran war, konnte ich immer behaupten, meine Träger seien nicht gekommen...Als ich in der elften Klasse war, hat die Schule einen Aufzug bekommen. Ich hatte einen Schlüssel für den Aufzug, konnte ihn selbstständig bedienen und war nun selbst dafür verantwortlich, pünktlich zum Unterricht zu erscheinen. Plötzlich war ich nicht mehr von Menschen, sondern von der Technik abhängig. Das wurde mir damals sehr deutlich.


Mein politisches Engagement entstand aus dem Impuls heraus, nicht andere über mich bestimmen zu lassen, sondern mich selbst zu engagieren.

Meine erste große Auseinandersetzung mit meiner Behinderung, meine erste große Traurigkeit hatte ich erst mitten im Studium, als ich mich das erste Mal verliebt hatte und das Gefühl hatte, mit nichtbehinderten Frauen überhaupt nicht konkurrieren zu können. Damals war ich sehr mit mir und meinen Gefühlen beschäftigt. Zum Glück hatte ich im Studentenwohnheim eine Freundin, die war wie ich inkontinent. Ich hatte immer Windeln getragen und nie ein Problem damit, weil ich ja nicht gespürt habe, ob die Windel nass war oder nicht. Aber diese Freundin konnte nicht verstehen, dass mir das egal war. Sie hatte einen künstlichen Blasenausgang und ihn mir auch gezeigt: das Loch im Bauch und in der Blase, die Platte und den Beutel dran, den sie selbstständig leeren konnte. Die OP wurde dann tatsächlich zu einer Zäsur für mein Selbstverständnis. Ich hatte mich früher immer als Evelyn wahrgenommen, und plötzlich war ich eine behinderte Frau. Ich hatte damit gar nicht gerechnet, hatte nur gedacht, dann werde ich eben anders zur Toilette gehen. Aber die OP hatte auch etwas in meinem Gefühlsleben bewirkt: Ich hatte plötzlich ein ganz anderes Körpergefühl. Ich habe mich plötzlich vollständig wahrgenommen – mit Bauch und Beinen und Füßen. Das kannte ich vorher in dieser Form nicht. Und ich habe mein Anerkennungsjahr in einer neurochirurgischen Reha-Klinik in Hattingen an der Ruhr machen können. Dort hieß es zum ersten Mal nicht „Wir nehmen dich, obwohl du behindert bist“, sondern “Wir nehmen dich, weil du behindert bist, weil du unseren Patienten etwas mitgeben kannst auf ihrem Weg“. Das war für mich ein ganz neues Gefühl, dass meine Behinderung auch als Qualifikation betrachtet werden kann. Das fand ich sehr beeindruckend.

Ich bin auch immer noch ein bisschen überrascht, wie viele nichtbehinderte Menschen sich nicht trauen, behinderte Menschen zu fragen wie es ihnen geht oder wie sie leben. Ich finde, wenn man sich einander annähern will, muss man so etwas voneinander wissen.

Das ganze Interview finden Sie hier als PDF

Dieses Interview wurde geführt von Andreas Brüning.